Franzi ist seit August 2014 als Teach First Deutschland Fellow an der Integrierten Sekundarschule Herbert-Hoover in Berlin Wedding tätig. Während ihres Studiums der Bildungswissenschaften an der TU Berlin engagierte sie sich als Mentoring-Paar Koordinatorin bei ROCK YOUR LIFE und begleitete selbst einen Schüler als Mentorin. Seit dem Schuljahr 2014/15 ist ihre Schule Partnerschule vom Berliner ROCK YOUR LIFE Verein, wodurch zahlreiche spannende Mentoring Beziehungen mit Studenten und Schülern gegründet wurden. Franzi versteht sich dabei als Bindeglied zwischen ihrer Schule, den Schülern und ROCK YOUR LIFE. Im Interview spricht sie über die positiven Wirkung von Mentoring auf ihre Schüler, Hürden beim Aufbau einer Mentoring Beziehung sowie ihrer Vision eines modernen, flexiblen und gerechten Bildungssystems. Das Interview führte Hannah Hübner

Liebe Franzi, schön, dass Du Dir nach einem langen Tag in der Schule noch Zeit für ein Interview mit ROCK YOUR LIFE nimmst! Durch Deine Initiative gibt es momentan 23 Mentoring-Paare in den 8. und 9. Klassen der Herbert-Hoover Schule, d.h. 23 Schüler treffen sich regelmäßig mit einem ROCK YOUR LIFE MENTOR. Wie kam das zustande?

Das hat eine persönliche Vorgeschichte. Während meines Studiums der Bildungswissenschaften an der TU Berlin bin ich auf den Berliner ROCK YOUR LIFE Verein aufmerksam geworden. Im Sommer 2011 hingen überall in der Uni Plakate aus. Ich besuchte eine Infoveranstaltung und war schnell vom Konzept überzeugt und wollte dabei sein. Lange war ich dann selbst als Mentorin und später als Mentoring-Paar-Koordinatorin tätig. D.h. ich habe andere „Student-Schüler Paare“ betreut und bei der Entwicklung ihrer Beziehung unterstützt. Dabei habe ich gemerkt, dass ein Mentor für Schüler sehr positiv sein kann. Ich meine, sie bekommen dadurch jemanden an die Seite, der nicht Lehrer, Familie oder Freund ist, sondern jemand der ihnen eine ganz neue Perspektive geben kann. Jemand, der sie in ihrem Sein und Können bestärkt und ihnen Türen öffnet, sei es durch Wissen oder Kontakte. Als ich dann meinen zweijährigen Einsatz als Teach First Deutschland Fellow an der Herbert-Hoover Schule begann, kam mir schnell der Gedanke, dass auch diesen Schülern ein Mentor gut tun würde. Der Berliner Verein war gleich begeistert und auch meine Kollegen waren schnell von dieser zusätzlichen Hilfe überzeugt und haben teilweise auch Schüler für das Mentoring-Programm vorgeschlagen.

Kannst Du uns ein Beispiel nennen wie eine Mentoring Beziehung einem Schüler geholfen hat?

In einer meiner Klassen gibt es einen Schüler, dem es manchmal schwerfällt seine Handlungen zu kontrollieren. Manchmal wird er wütend, oft ist er laut im Unterricht. Ihm fällt es schwer sich zu organisieren, Hausaufgaben zu erledigen und mit gepackter Schultasche in der Schule zu erscheinen. Durch seinen Mentor hat er eine ganz neue Sichtweise auf Lernen bekommen. Der Mentor hat ihm von seinem Studium und seinen vielfältigen Interessen erzählt. Gemeinsam besuchten sie das erste Seminar von ROCK YOUR LIFE. Mein Schüler konnte dadurch in eine neue Lebenswelt eintauchen und seinen Horizont erweitern. Das hat ihn sehr motiviert. Eines Morgens stand er dann vor mir mit neuem Schreibblock, Federmäppchen und Kalender und sagte: „Frau Weber, ich werd’ mich jetzt organisieren und regelmäßig mitmachen.“ Er war ungeheuer stolz und ich sehr erfreut. ROCK YOUR LIFE gibt meinem Schüler Glauben in seine Fähigkeiten. Mir gibt es eine zusätzliche Ebene der Kommunikation mit meinen Schülern, da ich mit ihnen über ihre Mentoring-Beziehung sprechen kann. Der Schüler bekommt eine Motivationsspritze, die sich positiv auf sein Verhalten in der Schule auswirkt. Natürlich sind nicht alle Probleme gelöst, aber ein erster Schritt ist getan.

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Projekt Schulhofgestaltung: Schülerbauwoche mit Schülern der 7. Klasse.

Wo siehst Du Hürden, die einer erfolgreichen Umsetzung des Mentoring-Programms im Weg stehen?

Ich denke, dass es zu Beginn schwierig ist den Schülern, aber auch den Eltern die Vorteile eines Mentors zu verdeutlichen. Viele verstehen nicht, welche Rolle ein Mentor einnehmen kann und reagieren dann erst einmal mit Misstrauen. Ideal ist, wenn eine Schule schon ältere Generationen von Mentorenpaaren hat, die den Schülern das Programm vorstellen und von ihren Erfahrungen berichten. Dann kommt schnell Begeisterung auf. Weitere Hürden sind kontinuierliche Motivation, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Hier bedarf es Kreativität und Offenheit von beiden Seiten, der Mentor- und der Schülerseite. Probleme sollten kommuniziert werden.

Franzi, du bist Teach First Fellow. Bildung und Bildungsgerechtigkeit sind Themen, mit denen Du Dich viel beschäftigst. Welche Vision eines fairen Bildungssystems hast Du?

Ganz klar: Ich möchte ein Bildungssystem, in dem der Bildungserfolg eines Schülers nicht von seiner Herkunft abhängt. Damit meine ich, dass es egal sein sollte, ob ein Schüler arme oder wohlhabende Eltern hat, ob seine Eltern einen Doktortitel oder die Schule ohne Schulabschluss verlassen haben oder ob die Eltern in einem anderen Land geboren sind als Deutschland oder schon seit Generationen in der gleichen Stadt leben. Jeder Schüler ist einzigartig und besitzt Talente, die er voll ausbilden können sollte. Außerdem wünsche ich mir eine Schule, die endlich im 21. Jahrhundert ankommt. Kinder werden in einer digitalen Welt groß, in Schulen herrscht aber größtenteils Internet- und Smartphoneverbot. Das geht nicht. Wir sollten Digitalisierung als Chance begreifen und auf kreative Art und Weise in den Unterricht integrieren. Zuletzt habe ich auch große Zweifel an dem „Stundenlernen“: Morgens 45 Min Englisch, dann 45 Min Physik, nachmittags noch mal 90 Min Mathematik. Zwischendurch 45 Min Ethik, WAT… Wir brauchen flexiblere Strukturen, in denen ein Lehrer auch mal über einen längeren Zeitraum mit den Schülern ein Thema behandeln kann. Projektbasierte Arbeit bietet da Lösungen.

Ich arbeite an einer Schule mit Kulturprofil und bin überzeugt, dass außerunterrichtliche Projekte enorm zur persönlichen Entwicklung beitragen. Den Schülern werden zusätzliche Perspektiven eröffnet. Es werden Räume zum Erlernen von wichtigen Fähigkeiten wie logisches Denken, Präsentation oder Teamarbeit geschaffen und die Möglichkeit, ihre Potenziale auf ganz anderen Gebieten zu entdecken. Im Mai haben wir mit Schülern eine Bühne auf dem Schulhof gebaut. Ich durfte die Schülerbauwochen betreuen. Dabei sollten sich die Schülerinnen und Schüler als Gestalter ihrer eigenen Lern- und Lebensumgebung erfahren, das Bauen als einen ästhetischen Schaffensprozess erleben und handwerkliches Können erwerben. Das war großartig. Die Schülerbauwochen waren nur ein Teil des Projektes zur Schulhofgestaltung. Über mehrere Schuljahre sind bei diesem Projekt alle Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Art und Weise involviert. Während Kinder zur Schule gehen, werden sie erwachsen. Hier entwickeln sie ein Selbstverständnis von sich und der Welt. Diese Schlüsselrolle von Schule und den Einfluss, den sie dadurch auf unsere Gesellschaft hat, müssen wir sehr viel ernster nehmen, als wir es gerade tun und jegliche Ressourcen aktivieren, um unser Schulsystem neu zu gestalten.

Franzi, ich danke Dir für dieses inspiriende Interview und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit an der Herbert-Hoover Schule!